Kürzlich hat Christian Scherg, Geschäftsführer der Revolvermänner GmbH, das Buch „Rufmord im Internet” veröffentlicht. Die Revolvermänner sind Experten für Online-Strategieentwicklung und Social Media Marketing. Der ganzheitliche Ansatz der Revolvermänner analysiert, schützt und steuert die Reputation ihrer internationalen Klienten aus allen Branchen. Da wir von Ruflotse Unternehmern eine Online-Dienstleistung anbieten, um ihren eigenen Namen und Firmennamen im Internet zu beobachten und Facebook auf kritische Begriffe und Fotos zu überwachen, sind wir in ähnlicher Mission unterwegs – mit dem Ziel, die Reputation von Unternehmern zu schützen. Daher interessiert uns das neue Buch von Christian Scherg – und wir haben näher nachgefragt, worum es sich handelt:
Herr Scherg, in Ihrem Buch „Rufmord im Internet” stellen Sie dar, dass eine langjährig aufgebaute Reputation in Sekundenschnelle im Internet zerstört werden kann. Fälle von Rufmord gibt es schon seit Menschengedenken. Was ist anders geworden, seitdem wir das Internet nutzen?
Tatsächlich haben sich die „Mechanismen des Rufmords“ mit dem Internet nicht grundsätzlich geändert. Allerdings bringt das Internet zwei neue Aspekte ins Spiel, die die Lage deutlich verschärfen: Erstens ist die Geschwindigkeit der Übermittlung sehr viel höher geworden. Ein paar Mausklicks reichen, um eine diffamierende Botschaft per E-Mail weiterzuleiten oder in ein weiteres Forum einzustellen. Das geht meist schneller, als eine Telefonnummer zu wählen. Zweitens ist die digitale Kommunikation unpersönlich: Die Überbringer der Nachrichten sind nur noch in Ausnahmefällen persönliche Bekannte, deren Glaubwürdigkeit man einschätzen kann. Beide Faktoren zusammen sorgen dafür, dass eine Rufmord-Attacke online in kürzester Zeit ihre verheerende Wirkung entfalten kann.
Können Sie mir ein reales Fallbeispiel einer Person nennen, die zum Rufmord-Opfer geworden ist?
Ja. Für das Buch „Rufmord im Internet“ konnten wir den Kölner Berufsmusiker Bruno Leicht überzeugen, uns seine Leidensgeschichte zu erzählen: ein erschütterndes Beispiel, wie eine arglose Person per Zufall an einen neurotischen, wenn nicht gar psychotischen Täter geriet, der ihn über Jahre hinweg gnadenlos in den unterschiedlichsten Online-Medien verfolgte, um seine Allmacht-Fantasien auszuleben. Leider kein Einzelfall.
Eine tragische Geschichte. Was raten Sie Personen, die in eine solche Situation geraten sind?
In den Zeiten, als die Online-Kommunikation noch nicht im Internet, sondern auf Bulletin Board Systems stattfand, entstand der Spruch: „Don’t feed the troll!“ – Trolle darf man nicht füttern. Dieser Satz gilt nach wie vor. Erst recht, wenn man es mit Tätern zu tun hat, die von rational und argumentativ kaum zugänglichen Motiven getrieben werden: Jede Antwort, jede empörte Reaktion bestätigt dem Täter, dass er tatsächlich Macht über Sie hat und motiviert ihn neu.
Wie man so schön sagt ist Vorsorge besser als Nachsorge – wie sollten Personen Ihrer Meinung nach dem Rufmord im Internet vorbeugen?
Auch in weniger dramatischen Situationen sollte man sich grundsätzlich in Zurückhaltung üben: Immer wieder zeigt sich, dass der Täter die Munition, die er verschießt, unmittelbar vom Opfer bekommen hat: Namen, persönliche Details, Fotos, Erinnerungen, YouTube-Videos… Alles kann im Zweifelsfall gegen uns verwendet werden. Also sollten wir uns stets genau darüber im Klaren sein, welche Informationen wir im Internet preisgeben: Theoretisch gibt es jederzeit etwa zwei Milliarden Menschen, die rund um die Uhr mithören können.
Können Sie uns auch ein Beispiel aus dem Unternehmensbereich mitteilen?
Beispiele, in denen Unternehmen Rufmord-Attacken zum Opfer fallen, gibt es reichlich – und es werden täglich mehr: Es beginnt bei den diversen Bewertungs-Portalen, etwa für Hotels. Hier etwa kommt es regelmäßig vor, dass die Hotelgäste eine Bewertung in den gängigen Portalen eher als harmlosen Spaß begreifen, ohne zu realisieren, dass ihre Bewertungen nicht zuletzt auch von den großen Tourismus-Unternehmen kontrolliert werden: Eine schlechte Bewertung, die vielleicht darauf beruht, dass man nicht eine Extra-Flasche Wein „auf’s Haus“ bekommen hat, kann hier ohne Weiteres dazu führen, dass ein Reiseveranstalter das betreffende Hotel aus dem Katalog nimmt – was dann durchaus die Existenz des gesamten Betriebs bedrohen kann. Ähnliche Tendenzen beobachten wir aktuell im Automobil-Handel. Besonders anfällig sind schließlich kleine und mittlere Anbieter von Finanzdienstleistungen: Leasingunternehmen oder Versicherungsagenturen beispielsweise. Deren Produkte sind in besonders hohem Maße abhängig vom guten Ruf des Anbieters. In diesem Segment haben sich inzwischen eine ganze Reihe von Internet-„Firmen“ etabliert, die letztlich nichts anders betreiben, als Schutzgeld-Erpressung: Gegen einen – in aller Regel – fünfstelligen Betrag pro Jahr darf man sicher gehen, zumindest nicht auf den Internet-Seiten dieser Firmen diffamiert zu werden.
Wie sollten sich Unternehmen demnach vor Rufmord schützen?
Um mal einen alten Werbespruch für Zahnpasta zu zitieren: „Vorbeugen ist besser als Bohren.“ Ein Unternehmen, das sich nachhaltig gegen Rufmord-Attacken wappnen will, sollte erst gar keinen Anlass für derartige Attacken liefern. Das klingt womöglich einfacher als es ist, denn Anlässe für Rufmord-Attacken gibt es reichlich: Defizite bei Produkten oder Dienstleistungen, fragwürdige Qualifikation der Mitarbeiter bei der Hotline oder im Callcenter, oder auch die berühmten „Leichen im Keller“ die – etwa gemeinsam mit frustrierten Ex-Mitarbeitern – für gehörigen Zündstoff sorgen können, wie wir unlängst bei der ERGO-Versicherung sehen konnten. Wo immer eine Zeitbombe tickt, wird diese gewiss auch irgendwann explodieren. Folglich sollte ein Unternehmen nach Möglichkeit dafür sorgen, dass der Keller „leichenfrei“ ist, dass Produkte und Service-Angebote möglichst wenig Grund zur Beanstandung geben und vor allem dass Kritik von außen möglichst rasch und kompetent adressiert wird. Um all dies zu gewährleisten ist letzten Endes eine Anpassung der Unternehmensstrategie erforderlich, die dem Monitoring der digitalen Kommunikation sowie der synchronisierten und Abteilungs-übergreifenden Reaktion auf mögliche Rufmord-Attacken den nötigen Spielraum lässt.
Ganz gleich, ob Unternehmen oder Privatpersonen „Leichen im Keller” oder eine „weiße Weste” haben – durch die verstärkte Nutzung des Internets und sozialer Netzwerke fließen immer mehr Daten ins Internet. Wenn Sie einen Blick in die Zukunft wagen – wie wird sich das Thema „Rufmord im Internet” weiterentwickeln?
Schon heute verfügt – Schätzungen zufolge – etwa jeder vierte Mensch auf diesem Planeten über einen Internet-Zugang. Wiederum ein Drittel davon hat einen Facebook-Account. Die Tendenz ist in beiden Fällen deutlich steigend: Damit dürfte zunächst einmal feststehen, dass uns das Thema „Rufmord im Internet“ auf absehbare Zeit weiter begleiten wird – ebenfalls mit beachtlichen Zuwachsraten. Um diesen Trend zu stoppen oder gar umzukehren, wird es erforderlich ein, dass sich ein allgemeiner „Code of Conduct“ entwickelt: Hier geht es letztlich darum, dass wir alle lernen, die Regeln, die wir im „richtigen Leben“ für den Umgang mit unseren Mitmenschen gelernt und etabliert haben, auf die digitale Welt zu übertragen. Bis das allerdings erfolgt ist, wird der Rufmord im Internet wohl ein Alltagsphänomen sein und bleiben.
Vielen Dank schon einmal für die Antworten. Ein letzter Punkt interessiert uns noch: Haben Sie selbst schon einmal unerwünschte Kommentare über sich im Internet entdeckt? Wenn ja, wie haben Sie sich verhalten?
Natürlich, muss ich leider sagen: Wer sich in Gefahr begibt, muss auch damit umgehen können. Und wer sich mit Online-Reputation Management beschäftigt brauch ein dickes Fell. Die Revolvermänner GmbH ist seit Jahren eines der führenden Unternehmen in diesem Segment – und natürlich wurden wir deswegen auch oft genug angegriffen. Selbstverständlich haben wir eine Reihe von vorbeugenden Maßnahmen ergriffen und optimieren diese auch kontinuierlich. Gleichzeitig aber kommt es auch regelmäßig vor, dass wir bei Rufmord-Attacken an unsere Adresse einfach mal „die Füße stillhalten“: Der Rat „Don’t feed the troll!“ gilt schließlich nicht nur für unsere Klienten.
Herzlichen Dank, Herr Scherg, für das Gespräch.
Christian Scherg: Rufmord im Internet
So können sich Firmen, Institutionen und Privatpersonen wehren
ambition verlag / Berlin
ISBN 978-3-942821-01-8
Tags: Interview, Reputation, Reputationsmanagement, Ruf, Unternehmen, Unternehmensimage, Unternehmer